AUGUST TITTELN
HUMANISTISCHES WELTBILD UND LEISTUNG
(Zusammenfassung)[1]
Stepan K. Byulbyulyan
In Vorrede des Übersetzers legt August Titteln einige Gedanken in Beziehung Entwicklung der Sprachen aus. In einem kurzen Überblick der allgemein anerkannten historischen Entwicklung von Assyrien bis zu seiner Gegenwart verfolgt er die Entwicklung der Sprachen im Hintergrund der Entwicklung der Staaten, Philosophie, Künste, Wissenschaften von Assyrien bis zu seiner Gegenwart in Dresden damals. Dabei bezieht er sich auf viele historisch nachgewiesene Tatsachen und Schriftdenkmäler. Weiter unten wollen wir einige Einsichten und Darlegungen von Titteln vorlegen und auf die Schlußfolgerungen und Gesetzmäßigkeiten daraus hinweisen.
1. Für die Entwicklung, Durchsetzung und Verbreitung einer Sprache soll nach Titteln der Staat politisch und militärisch mächtig sein. Als Beispiel in dieser Beziehung erwähnt er Assyrien und Alexander M., die viele Länder erobern und dort ihre Sprache durchsetzen. Dasselbe ist auch in neuerer Zeit zu beobachten:
Rußland erobert die angrenzenden Staaten und setzt die russische Sprache durch. England, Frankreich, Spanien u. a. erobern Kolonien und setzen ihre Sprachen durch.
2. Titteln weist darauf hin, wie sich das Griechische und später das Lateinische durch Philosophie, Künste, Wissenschaften entwickelt und verbreitet haben.
Dieselbe Erscheinung ist in neuerer Zeit mit dem Deutschen, Französischen und Englischen zu beobachten.
3. Titteln weist auch eindeutig darauf hin, daß eine Sprache sich entwickelt, indem man die schon erwähnten Philosophien, Künste, Wissenschaften, also alle diese Kenntnisse aus anderen Sprachen in die jeweilige Sprache überträgt, so wie man mit dem Lateinischen aus dem Griechischen, dem Französichen aus dem Lateinischen vorgegangen ist.
Dieser Vorgang ist in neuerer Zeit auch zu treffen. Unter den vielen Beispielen können wir das Bulgarische erwähnen. Nach der Befreiung vom türkischen Joch (1878) entwickelt sich das Bulgarische, indem man aus dem Russischen, Deutschen und Französischen die entsprechenden Kenntnissen, Informationen ins Bulgarisch übertragent hat. Heute wird sehr viel Information aus dem Englischen in vielen Sprachen der Welt übertragen. Die Entwicklung der Elektronik, Computer, Raumtechnik u.a. Wissensgebieten in den USA führte zur weltweiten Verbreitung und Durchsetzung der englischen Sprache.
4. Titteln zeigt eindeutig auf, daß die Philosophie, Künste, Wissenschaften, Kultur seit jähe aus einer Sprache in eine andere übertragen werden. Dieser Vorgang ist ein Mittel zur Bildung und Bereicherung der Kenntnisse, Kultur usw. der jeweiligen Sprachgemeinschaft und der Sprache selbst.
5. Titteln selbst weist darauf hin, daß sich die Sprache in gewisser Zeit entwickelt: "Es hat also keine Sprache vor der andern einen Vorzug, als welchen ihr das Glück und die Beschaffenheit der Zeit gegönnet." (S. 8) Seine Auslegungen zeigen eindeutig auf, daß die Entwicklung der Sprache und Kultur auch im gewissen Raum (auf dem Planet "Erde" allgemein, und in gewisser geographischen Region im einzelnen: Assyrien, Griechenland, Römisches Reich, Frankreich, Deutschland) erfolgt. Also die Prozesse der Reifung und Bildung menschlicher Kenntnisse laufen in der Zeit und im Raum. Die Bildung, Entwicklung und Ruin von Staaten, überhaupt jede menschliche Handlung läuft in der Zeit und im Raum.
6. In Beziehung Wortbildung bzw. Terminologie und Übersetzung. Er bezieht sich auf die Erfahrung der Philosophen und Autoren im Altertum und schreibt, daß man dasselbe auch im Deutschen tun soll. Die durch ihn gegebenen Empfehlungen sind bis heute gültig für die obenerwähnten Disziplinen, sie sind sogar ihre Grundsätze, die die Übersetzer in Europa bei ihrer alltäglichen Arbeit verwenden. (ohne Titteln zu kennen).
7. Titteln schreibt, daß die römischen Patrizier ihre Söhne nach Griechland geschickt haben, damit sie dort Philosophie und Künste studieren. Auch heute studieren die Kinder wohlhabender Eltern in berühmten Universitäten.
8. Hier sollen auch zwei Tittelns Werte erwähnt werden:
a) Die Wissenschaft soll den Menschen dienlich sein und
b) Die Sonne, das Licht ist sowohl für die guten als auch für die bösen, sowohl für die Reichen, als auch für die Armen.
Die für die Entwicklung einer Sprache notwendigen Bedingungen aufzeigend, schafft Titteln (bewußt oder unbewußt) eigentlich ein, wenn nicht volles, immerhin ein geformtes Bild der Entwicklung von Sprache, Philosophie, Wissenschaften, Künste. Dieses Bild, wie er zeigt, ist für Assyrien, Griechenland, Römisches Reich gültig. Durch seine kurze Übersicht wird auch ersichtlich, daß mächtige Staaten zu Grunde gehen, aber ihre Sprache und Schriften und durch sie ihre Philosophie, Künste, Wissenschaften beibehalten und durch andere Sprachgemeinschaften aufgenommen, verwendet und weiterentwickelt werden.
Noch eine Feststellung von Titteln ist heute noch zu treffen: "Diese, sag' ich, ob sie wohl nur halb-Gelehrte zu nennen, haben doch so geübte Sinnen, und gute Geschicklichkeit durch den Umgang erlanget, daß sie bloß mit ihren ungezwungenen natürlichen Einfällen manchem Gelehrten Angst und bange machen, und ihn vielmahl gar eintreiben solten, wenn er sich nicht hinter einen Lateinischen terminum, damit er um sich wirfft und sie stutzig macht, als eine Schutz-Wand seiner ignoranz retirirte."
Aus Tittelns Darstellung werden die Funktionen der Sprache (die Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch Speicher von Information ganz allgemein ausgedrückt) ersichtlich, die Grundsätze und die Gesetzmäßigkeiten von Sprache und Kultur festgelegt. Die Sprache ist ein offenes System, das sich nur durch Anhäufung von neuen Kenntnissen, durch Kontakte mit weiterentwickelter Sprache und Kultur entwickelt. Es gibt keine "reine" Sprache, keine "reine" Kultur. Solche Sprachen und Kultur haben nur die Stämme im Urwald, die ein geschlossenes Leben führen. Wahrscheinlich kommt eines Tages die Zeit ihrer Entwicklung.
Bei Titteln sind auch einige anfechtbare Ansichten, aber sein humanitanistisches Weltbild stimmt. Es kann als Grundlage für Forschungen auf alle Disziplinen der Humanitaristik dienen, die zur Vervollständigung dieses Bildes führen werden. Ein solches Bild kann für die gerechte Gesellschaftsordnung, für eine wahre Demokratie und gerechtere internationale Beziehungen einen großen Beitrag leisten. Dafür muß aber der Wille vorhanden sein. Bis heute fehlt er, wenigstens unter den sog. Wissenschaftlern.
[1] s. August Titteln. Vorrede des Übersetzers: Vier Einwürfe. Verlag S. K. Bülbüljan, Sofia 1994, ISBN 954-512-004-5 und
Степан Бюлбюлян. Мистика, език, философия. кн. 2. ИК С. К. Бюлбюлян, София 1994 г. ISBN 954-512-002-9